Was wir verloren haben

Wenn man Diskussionen, Filme oder Berichte über das Leben in der ehemaligen DDR sieht, dann hört man immer: „Ihr hattet nix zu kaufen. Ihr wurdet bespitzelt. Ihr hattet keine Rechte und ihr konntet nicht wirtschaften.“ Jeder glaubt zu wissen, dass es gut ist, dass dieses dunkle Kapitel zu Ende ist. Komisch ist nur…so negativ habe ich das gar nicht in Erinnerung. Was die Stasi betrifft…nun…die GEZ heute ist gründlicher als die Stasi damals und die Überwachung der Bürger durch den Staat ist heute um ein vielfaches intensiver, als zu DDR-Zeiten. Jeder findet das auch gut so, denn wir müssen den Terrorismus bekämpfen und da muss man eben mehr überwachen dürfen. Nach dem Grund für den Terrorismus fragt glücklicherweise auch niemand, denn es läuft ja DSDS im Fernsehen und da hat man keine Zeit für so etwas….aber ich will nicht abschweifen, also zurück zur DDR. Liebe ehemalige DDR-Bürger, zählt mal nicht auf, was wir alles nicht hatten, sondern versucht euch mal daran zu erinnern, was wir verloren haben. Na, was kann das wohl sein? Es ist die innere Ruhe, der soziale Frieden, die Unfähigkeit zu wissen, was Existenzangst ist. Wir konnten nicht nach Malle, aber wir wussten genau, der Arbeitsplatz ist auch in einem Jahr noch da. Wir hatten nur Ostmark, aber wir wussten, dass wir dafür niemals beim Arbeitsamt betteln müssen. Wir kannten keine demütigende Leiharbeit, wir waren mit 50 nicht zu alt für unseren Job, wir wurden nicht gegeneinander ausgespielt, wir kannten kein Mobbing, wir wurden nicht zwangsvollstreckt und wir mussten nicht aus Not unser Konto überziehen. Unsere Kinder wurden nicht durch die Konsumgesellschaft idiotisiert, verroht und psychisch krank gemacht.

Existenzangst und Armut haben viele Menschen traumatisiert und ihr Selbstwertgefühl zerstört. Jene, welche noch Arbeit und Auskommen haben, müssen ihren Stand schützen und nach unten treten, immer mit der Angst beseelt, dass sie morgen selbst auf der Treppe ganz unten stehen können.

Mir geht es gut, ich kann mir einiges leisten….meine innere Ruhe habe ich jedoch in der DDR zurück lassen müssen und ich meine, die Zeit damals war besser. Meine Lehrerin für Staatsbürgerkunde sagte angesichts des relativen Wohlstands im Westen einmal folgende Sätze, welche ich damals nicht geglaubt habe: „Der Kapitalismus in der BRD hat nur eine friedliche Phase, der Wolf hat Kreide gefressen. Irgendwann wird er aber wieder aggressiv werden und sein wahres Gesicht zeigen. Es wird wieder einen großen Abstand zwischen arm und reich geben. Leider muss ich sagen, sie hatte recht.

3 Gedanken zu „Was wir verloren haben

  1. Rächer der Entnervten

    Was aber schrieb der große Dichter Peter Hacks?:

    „Wer kann die Pyramiden überstrahlen,
    den Kreml, Sanssouci, Versailles, den Tower?
    Von allen Schlössern, Burgen, Kathedralen
    der Erdenwunder Schönstes war die Mauer!
    Mit ihren stolzen Türmen, festen Toren –
    ich glaub, ich hab mein Herz an sie verloren.“

    „Mauer“ wird hier auf „Tower“ gereimt, und der war bekanntlich die meiste Zeit seiner Existenz über ein nicht eben behagliches Gefängnis.
    Tja, so ist das mit der Dichtung: Sie sagt doch zuweilen etwas ganz anderes, als sie auf den ersten Blick zu sagen scheint.
    Umgekehrt erscheint die DDR in der Rückschau dem einen oder anderen als etwas ganz anderes, als sie tatsächlich gewesen ist.
    Du, der Du Dich Amenophis nennst, bedauerst offenbar, wie so viele, den Verlust Deiner Kindheit und Jugend – und vermengst die sich daraus ergebende Sehnsucht mit der Erinnerung an die DDR.

  2. Helga

    Nein, ich bin bestimmt nicht wehleidig: aber ich muss dem Verfasser des Artikels Recht geben. Wir durften nicht immer laut denken, aber was nützt es heute, wenn man seine Meinung sogar laut rausschreien oder im Internet veröffentlichen kann? Es schert sich in dieser vielgepriesenen Demokratie niemand darum, am allerwenigsten unsere gewählten Volksvertreter. Wer noch Arbeit hat, wird dermaßen unter Druck gesetzt, dass er kaum noch abschalten kann und die anderen sitzen zu Hause und ertränken ihren Frust im Alkohol. Was nützt die Freiheit reisen zu können, wenn die finanziellen Möglichkeiten es nicht zulassen? Was nützt die Freiheit, dass unsere Kinder alle in Richtung Westen auswandern mussten, um ihren Lebensunterhalt selbst zu sichern, wenn wir sie dafür noch alle Jubeljahre mal zu sehen bekommen? Und so schlecht kann unsere Bildung nicht gewesen sein, sonst wären sie doch nicht alle dort mit offenen Armen empfangen worden. Der Einbruch kam doch erst nach der Wende mit den ständig wechselnden Schulsystemen.

  3. michael

    guten abend,

    einen kleinen gruß will ich mal schicken.
    es gibt da noch ein paar gegenden, da kann jeder seine
    sentimentalität ausleben.
    packt eure sachen und geht mal nach nordkorea oder kuba,
    vielleicht hilft auch ein viertel jahr soziale arbeit in
    china (in einem organentnahmelager für freunde der freitheit). neues ist immer schwer zu leben, sich aus dem kollektiv entfehrt zu finden und festzustellen kein ganzer mensch zu sein schmerzt.

Kommentare sind geschlossen.