Archiv für den Autor: Stefan Morschheuser

Wir helfen Rene Weller

Wenn er sich helfen läßt.

Aber von Anfang an:

Am 23. Dezember 2005 sprach Günther Jauch in der TV-Show „Wer wird Millionär?“ den auf Rene Weller bezogenen Satz:

„Der sitzt ja dauernd im Knast.“

Weller forderte daraufhin Schadensersatz, Schmerzensgeld sowie einen Widerruf, und klagte, da Jauch zu einer außergerichtlichen Einigung nicht bereit war, vor dem Landgericht Potsdam.

Da diese Klage abgewiesen wurde, ging Weller, der lediglich einmal, nämlich zwischen 1999 und 2003, Strafgefangener war, in die nächste Instanz.

Vor zwei Tagen wies auch diese (das Oberlandesgericht Brandenburg) Wellers Klage ab.

(Das Gericht ließ eine Revision beim Bundesgerichtshof nicht zu. Weller hat die Möglichkeit, dagegen Beschwerde einzulegen.)

Richter Wolf Kahl berief sich in seiner Urteilsbgründung auf den Duden: Diesem zufolge könne „dauernd“ auch „lange andauernd“ bedeuten. Daher sei Jauchs Aussage ein „Werturteil mit Tatsachenkern“. Daraus wiederum folge, daß es sich bei Jauchs umstrittenem Satz um eine zulässige Meinungsäußerung handle (vgl. Tagesspiegel vom 8.5.).

Daß dies falsch ist, läßt sich zweifach beweisen – und da doppelt besser hält, werden wir das hier auch tun:

1. Wenn „dauernd“ „lange andauernd“ bedeuten kann, dann können wir in Jauchs Satz dieses für jenes einsetzen.

Ergebnis:

„Der sitzt ja lang(e) andauernd im Knast.“

Jauchs Satz, ob in dieser Version oder der ursprünglich geäußerten, steht im Präsens. Das Präsens kann im Deutschen verschiedenes bezeichnen (wir beschränken uns im folgenden auf die beiden Möglichkeiten, die in diesem Zusammenhang in Frage kommen):

a) In naher Vergangenheit Beobachtetes und (zumindest nach Auffassung des Sprechers) in die Zukunft Fortwirkendes

Beispiel: X sitzt nie /selten / oft / dauernd in der Kneipe.

 So verwendet, setzt das Präsenz entweder keines oder mehrere Ereignisse voraus (im Falle des Jauch-Satzes also mehrere Gefängnisaufenthalte Wellers).  

In diesem Sinne gebraucht, ist der Satz Jauchs also eindeutig falsch.

b) Gegenwart (Moment oder gegenwärtige Situation)

Bezeichnet das Präsens in diesem Satz die Gegenwart – und nur diese Möglichkeit bleibt -, dann schließt er die Aussage ein, daß Weller sich gegenwärtig (zur Zeit der Aussage) im Gefängnis befinde.

Jauchs Satz würde also bedeuten:

Weller befindet sich derzeit im Gefängnis, und zwar lange andauernd.

Die Aussage hat demnach keinen Tatsachenkernkern.

„Dauernd“ kann nur entweder“lange andauernd“ oder „immer wieder“ bedeuten. Es bleibt uns also, „immer wieder“ in Jauchs Satz einzusetzen:

„Der sitzt ja immer wieder im Knast.“

Der Kern der Aussage ist demnach, daß gegen Weller sehr viele Haftstrafen verhängt worden seien.

Auch in diesem Fall kann also von einem Tatsachenkern keine Rede sein (sofern man nicht die Auffassung vertritt, es sei vertretbar, über jemanden, den man EINMAL ein Bier trinken sah, zu behaupten, er gebe sich dauernd die Kanne).

2. „Dauernd“ KANN hier nicht „lange andauernd“ bedeuten, sondern ausschließlich „immer wieder“:

(„Dauernd“ und „immer wieder“ sind unvereinbar, werden manche jetzt einwenden, die Umgangssprache unberücksichtigt lassend. Gewiß, es besteht zwischen den beiden Begriffen ein objektiver Widerspruch, aber der löst sich subjektiv auf: „Dauernd“ heißt: so oft, mit so hoher Frequenz, daß diese dem Betrachter – zumal, wenn er zu Übertreibungen neigt – als Fortdauer erscheint.)

Die Bedeutung eines Wortes ergibt sich aus dem Zusammenhang.

Dabei ist in diesem Satz die Sprachebene entscheidend. „Knast“ befindet sich auf der Ebene der (niedrigen) Umgangssprache.

(„Gefängnis“ dagegen befindet sich auf hochsprachlicher Ebene, „Justizvollzugsanstalt“ auf formeller / juristischer.)

Kein Mensch, der bei Sinnen ist, wechselt in einem kurzen Satz die Sprachebenen. Entsprechend befindet sich auch das Verb „sitzen“ hier auf niedriger umgangssprachlicher Ebene (wie immer, wenn dieses Wort nicht in seiner eigentlichen Bedeutung, also als Gegensatz zu „stehen“ und „liegen“, zu verstehen ist).

Es folgt, daß auch „dauernd“ von Jauch umgangssprachlich verwendet wurde.

In der Umgangssprache aber kann „dauernd“ nur „immer wieder“ bedeuten. Eine andere umgangssprachliche Verwendung für dieses Wort läßt sich nicht finden.

Jedem, dem Sprachliches nicht gänzlich fremd ist, ist das klar, und jede empirische Untersuchung würde es bestätigen.

(Jauch übrigens präsentierte in den neunziger Jahren die Fernsehsendung stern TV. Die Redaktion ging damals einem unseriösen Journalisten auf den Leim, der in seinen Sensationsreportagen vorsätzlich die Unwahrheit vermittelte – wie Jauch selbst daraufhin unwissentlich in seinen Moderationen. Es wäre also Jauch selbst zufolge völlig in Ordnung, wenn man über ihn sagte:

„Der erzählt ja dauernd Lügengeschichten.“)

Wir werden Weller diese Beweise zustellen, und natürlich halten wir die Leser- und Schreiberschaft des Brandenburg-Blogs über das weitere auf dem laufenden.